Wir zeigen Ihnen, wie Trump die Zölle berechnet hat, wie hoch die Zölle der EU wirklich sind und welche Auswirkungen das alles hat.
Zölle statt Fortschritt: Wie Trump die USA mit seiner „Befreiung“ in die Krise stürzt
Am 2. April 2025 rief US-Präsident Donald Trump den sogenannten „Liberation Day“ aus – einen Tag, den er als Wendepunkt für die amerikanische Wirtschaft feierte. Mit einer umfassenden Zollpolitik versprach er, die USA von vermeintlich unfairen Handelspraktiken anderer Nationen zu „befreien“ und die heimische Produktion zu stärken. Doch wie genau hat Trump diese Zölle berechnet?
Ein zentraler Pfeiler von Trumps Zollpolitik zum Liberation Day ist das Prinzip einer angeblichen Reziprozität. Der Präsident erklärte wiederholt, dass die USA von ihren Handelspartnern „abgezockt“ würden, weil sie höhere Zölle und Handelsbarrieren auf amerikanische Produkte erheben als umgekehrt.
Um das auszugleichen, führte er sogenannte reziproke Zölle ein. Diese basieren angeblich darauf, dass die USA Importe aus einem Land mit denselben oder ähnlichen Zollsätzen belasten, die dieses Land auf US-Waren anwendet.
So hat Trump die Zölle „berechnet“
Inzwischen wissen wir, dass das schlichtweg gelogen war. Das Weiße Haus hat dazu sogar eine Formel veröffentlicht, die, nachdem man sie gekürzt hat, äußerst simpel ist.
Einfach ausgedrückt sieht sie wie folgt aus:
Das Handelsdefizit der USA mit dem jeweiligen Land wurde durch die Exporte des Landes in die USA geteilt. Das Ergebnis dieser Rechnung hat man dann halbiert, woraus man einen Zoll abgeleitet hat.
Hier am Beispiel der EU:
Der Handelsüberschuss von 235,6 Milliarden Dollar wird geteilt durch 605,8 Milliarden Dollar Exporte. Das ergibt 0,39.
Daraus leitet man mal eben 39 % ab und beschließt dann reziproke Zölle von 20 %.
Dabei hat man sich nicht mal die Mühe gemacht, die aktuellen Daten von 2024 zu nehmen. Denen zufolge wäre man nur auf einen Wert von 0,37 gekommen …
Aber warum auch? Die ganzen angeblichen Zölle anderer Länder gegen die USA sind an den Haaren herbeigezogen. Sie existieren nicht.
Mit Fairness hat das nichts zu tun
Besonders interessant sind die 115 Länder, gegen die die USA Zölle von 10 % verhängt haben und die alle angeblich auch exakt 10 % für Güter aus den USA verlangen.
Ist das nicht ein merkwürdiger Zufall? Bei genauerer Betrachtung stellt sich heraus, dass all diese Länder mehr Waren in den USA einkaufen, als sie in die USA verkaufen. Nach der Logik von Trump zockt die USA diese Länder ab und nicht umgekehrt – trotzdem verpasst man ihnen Strafzölle.
Mit Fairness hat das alles überhaupt nichts zu tun. Mit den realen Zöllen, die die EU oder irgendein Land für US-Waren verlangen, hat es ebenfalls nichts zu tun.
In der Realität lagen die Zolleinnahmen der EU 2023 bei lächerlichen 3 Mrd. Euro, was einem Zollsatz von unter 1 % entspricht – fernab der angeblichen 39 %. Die USA haben im Gegenzug 7 Mrd. USD eingenommen.
Man könnte also problemlos argumentieren, dass die EU übervorteilt wird. Am Ende sind 3 oder 7 Mrd. Euro oder USD im Verhältnis zum Handelsvolumen aber absolute Peanuts, es geht um kaum mehr als ein Prozent des gesamten Handels – zumindest bisher.
Bezieht man neben Waren auch Dienstleistungen in die Rechnung mit ein, ist der Handel zwischen der EU und den USA fast ausgeglichen. Zumindest wenn man in der EU beide Augen zudrückt und weiterhin hinnimmt, dass vor allem die Tech-Riesen über Steuerschlupflöcher ihre Gewinne in Europa in die USA schleusen und hier kaum Steuern zahlen.
Schuss ins Knie
Aktuell bestehen noch Ausnahmen für die Zölle, dafür aber auch erhöhte Sätze für Autos. Sollten die USA perspektivisch für alle europäischen Güter einen Zollsatz von 20 % erheben, entspräche das bei dem aktuellen Handelsvolumen Zollkosten in Höhe von 106 Mrd. Euro.
Das ist mehr als das 35-fache von dem, was die EU bisher an Zöllen kassiert.
Die Vorgänge sind an Absurdität nicht zu übertreffen. Das Problem daran ist, dass das alles realwirtschaftliche Folgen hat. Negative Folgen, vor allem für die USA.
Für die EU und die meisten anderen Länder ist dieser Handelsstreit zu bewältigen, denn für uns wird dadurch nur der Handel mit einem Land geschädigt, wenngleich es auch der größte Handelspartner ist.
Die USA haben dieses Problem jetzt allerdings mit all ihren Handelspartnern.
Damit schwächt man die eigene Wettbewerbsfähigkeit
Abseits von der komplett realitätsfremden Herleitung der Zölle ergeben sie auch auf anderer Ebene keinen Sinn.
Die USA wären selbst bei 20 oder 200 % Zöllen in vielen Bereichen nicht wettbewerbsfähig.
Wie will man denn bei personalintensiven Produkten und Arbeitsschritten mit Mexiko konkurrieren? In den Zulieferer-Betrieben für die Autobranche arbeiten die Mexikaner teilweise 50-60 Stunden – für 300 USD die Woche.
Um diese Produktion in die USA zu verlagern, müssten die US-Arbeitnehmer in der Wertschöpfungskette nach unten wandern und Löhne akzeptieren, mit denen man in den USA unmöglich leben kann.
Oder die Preise für US-Autos steigen massiv, wodurch sie umso weniger konkurrenzfähig wären.
Versteht man im Weißen Haus nicht, dass fast die Hälfte aller Importe in den USA weiterverarbeitet werden und US-Unternehmen dadurch Geld verdienen? Wenn man diese Vorprodukte wie Aluminium mit Zöllen belegt, verschlechtert man dadurch die Wettbewerbsfähigkeit und zerstört “Manufacturing” in den USA.
Warum sollte eine ausgeglichene Handelsbilanz in dieser Situation überhaupt ein erstrebenswertes Ziel sein? Das wäre in etwa so, als würde ein Stahlhersteller eine ausgeglichene Handelsbilanz mit einer Eisenerz-Mine fordern.
Das Handelsbilanzdefizit der USA mit Kanada basiert beispielsweise weitgehend auf Öl, welches dann in den USA raffiniert und anschließend wesentlich teurer weiterverkauft wird. Will man darauf verzichten?
Will man Vorprodukte wirklich mit Strafzöllen belegen, die die eigene Wettbewerbsfähigkeit unterminieren und den eigenen Unternehmen das Geschäft vermiesen? Aktuell scheint die Antwort „ja“ zu sein.
Das Schlimmste daran ist, dass man die gewünschten Ziele (mehr Produktion in den USA) mit den Zöllen selbst dann nicht erreichen könnte, wenn es all diese negativen Auswirkungen nicht gäbe.
Man kann die Produktion von vielen Gütern nicht mal eben verlagern – und schon gar nicht von heute auf morgen:
Zölle: Massenvernichtungswaffe für den Wohlstand
US-Rezession oder Weltwirtschaftskrise?
Die Panik an den US-Märkten ist angebracht. Wenn Trump nicht zeitnah einen Sieg erklärt und die Zölle wieder abschafft, wird die USA mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in eine Rezession schlittern.
Und damit meine ich keine technische Rezession, bei der das BIP um 0,2 % fällt, sondern einen massiven wirtschaftlichen Einbruch von mehreren Prozent.
Kanada hat nicht auf sich herumtrampeln lassen und die EU wird es auch nicht.
China hat bereits Vergeltungszölle und Zölle in Höhe von 34 % beschlossen. Andere werden folgen.
Kommt es jetzt zu einer Spirale von gegenseitigen Zoll-Erhöhungen, werden nicht nur die USA, Kanada und Mexiko in eine Rezession schlittern, sondern womöglich die Weltwirtschaft.
Die Zölle sind nicht nur unverhältnismäßig, sie sind vor allem auch selbstschädigend.
Das versteht die Börse – weil es offensichtlich ist – und daher werden US-Aktien auch mit am stärksten abverkauft.
Ich habe mich immer davor gesträubt, mich zur Politik zu äußern. Aber die USA werden derzeit von Leuten regiert, denen selbst ein Grundverständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge fehlt.

Ihr Tobias Krieg, bekennender Daueroptimist.
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